Im letzten Artikel ging es darum, wie viel unseres Alltags auf Autopilot abläuft — wie oft wir reagieren, denken und fühlen, ohne überhaupt bewusst zu merken, dass gerade ein altes inneres Programm aktiv ist.
Vielleicht hast du seitdem schon angefangen zu bemerken, wie automatisch manche Gedanken auftauchen.
Wie schnell sich alte Sorgen melden.
Wie vertraut Selbstkritik klingt.
Oder wie rasch der Kopf beginnt, Geschichten zu erzählen, noch bevor wir überhaupt bewusst merken, was gerade passiert.
Viele Frauen kennen dieses Gefühl nur zu gut.
Gerade wir tragen oft vieles lange mit uns herum:
Es gibt Tage, da fühlt sich der eigene Kopf an wie ein Wohnzimmer voller Menschen, die alle gleichzeitig reden wollen.
Der eine Gedanke erinnert dich daran, was du vergessen hast.
Der nächste erzählt dir, was du falsch gemacht hast.
Dann taucht plötzlich eine alte Erinnerung auf.
Oder eine Sorge.
Oder ein Gespräch, das du innerlich zum zwanzigsten Mal weiterführst, obwohl es längst vorbei ist.
Irgendwann wird dieses innere Dauerrauschen so normal, dass wir kaum noch merken, wie sehr es uns erschöpft.
Und vielleicht ist genau das einer der wichtigsten Schritte überhaupt:
Zu erkennen, dass nicht jeder Gedanke automatisch die Wahrheit ist.
Dass wir nicht alles glauben müssen, was unser Kopf uns erzählt.
Denn oft fühlen sich Gedanken so unmittelbar an, dass wir völlig mit ihnen verschmelzen.
Wir sind dann nicht mehr einfach traurig — wir SIND plötzlich „nicht gut genug“.
Wir haben nicht einfach Angst — wir SIND plötzlich das schlimmste Szenario, das unser Kopf gerade entwirft.
Dabei gibt es einen kleinen, aber entscheidenden Unterschied:
Du hast Gedanken.
Aber du bist nicht jeder Gedanke, der durch deinen Kopf läuft.
Vielleicht hilft dir dabei dieses Bild:
Stell dir vor, du sitzt im Kino.
Vor dir läuft ein Film.
Mal Drama.
Mal Katastrophenfilm.
Mal ein ziemlich anstrengender Psychothriller.
Du lachst mit.
Du leidest mit.
Du erschrickst.
Und irgendwann fällt dir auf:
Du sitzt eigentlich die ganze Zeit im Kinosessel.
Du beobachtest den Film.
Genau darum geht es bei der sogenannten Beobachterrolle.
Nicht darum, nie wieder negative Gedanken zu haben.
Das wäre vermutlich nur mit einer sehr schweren Gehirnerschütterung möglich.
Sondern darum, langsam einen kleinen inneren Abstand zu entwickeln.
Zu merken:
„Ah. Da ist gerade wieder mein Sorgenkarussell.“
Oder:
„Interessant. Heute ist die Selbstkritik wieder besonders laut.“
Und genau dieser kleine Moment verändert oft mehr, als man zunächst denkt.
Unser Gehirn ist darauf spezialisiert, Gefahren schnell zu erkennen.
Das war früher überlebenswichtig.
Das Problem ist nur:
Das Gehirn unterscheidet nicht besonders gut zwischen einer tatsächlichen Gefahr und einer intensiv vorgestellten.
Deshalb reagiert unser Körper oft schon auf Gedanken.
Ein einziges:
„Was ist, wenn …“
kann reichen, damit:
Obwohl gerade objektiv vielleicht gar nichts passiert.
Vor allem Menschen, die lange unter Stress standen oder sich oft anpassen mussten, entwickeln häufig ein sehr sensibles inneres Warnsystem.
Der Körper lernt dann:
„Ich muss ständig vorbereitet sein.“
Und genau deshalb fühlen sich Gedanken manchmal so überwältigend an.
Das ist vermutlich einer der wichtigsten Sätze überhaupt:
Nicht jeder Gedanke, den wir denken, stimmt.
Gedanken sind oft:
Trotzdem behandeln wir sie häufig wie Tatsachen.
Zum Beispiel:
„Ich bin nicht gut genug.“
„Ich kriege das sowieso nicht hin.“
„Bestimmt habe ich etwas falsch gemacht.“
„Andere schaffen das doch auch.“
Wenn solche Gedanken über Jahre immer wieder auftauchen, wirken sie irgendwann wie die eigene Persönlichkeit.
Dabei sind es oft nur sehr oft benutzte innere Wege.
Und Wege können sich verändern.
Sobald wir einen Gedanken beobachten statt sofort mit ihm mitzugehen, passiert etwas Interessantes:
Zwischen Gedanke und Reaktion entsteht plötzlich ein kleiner Raum.
Ein kurzer Moment, in dem wir nicht sofort automatisch reagieren.
Und genau dieser Moment ist unglaublich wertvoll.
Denn dort beginnt bewusste Wahrnehmung.
Nicht:
Sondern einfach:
mehr Bewusstsein darüber, was in uns eigentlich abläuft.
Viele Frauen merken erst dann, wie streng sie innerlich mit sich sprechen.
Oder wie oft sie sich verantwortlich fühlen.
Oder wie automatisch sie sich selbst unter Druck setzen.
Diese Dinge sichtbar zu machen, ist kein Rückschritt.
Es ist oft der Anfang von Veränderung.
Vielleicht erkennst du dich in manchen davon wieder:
Ein kleiner Auslöser — und plötzlich denkt das Gehirn zehn Schritte weiter.
Eine kurze Nachricht ohne Smiley wird innerlich schon zur zwischenmenschlichen Krise.
Ein Fehler wird sofort zum Beweis dafür, dass man „nicht genug“ ist.
Viele Frauen tragen diese innere Stimme schon seit Jahrzehnten mit sich herum.
Mehr Sport.
Geduldiger sein.
Besser organisiert sein.
Gelassener reagieren.
Mehr leisten.
Weniger erschöpft sein.
Dieses ständige innere Müssen macht auf Dauer unglaublich müde
Hier wieder ein paar kleine Übungen, die dir vielleicht helfen können.
Manchmal hilft es, Gedanken nicht sofort ernst zu nehmen, sondern sie erst einmal nur zu benennen.
Zum Beispiel:
Statt: „Oh Gott, alles wird schiefgehen.“
eher: „Ah. Das Sorgenkarussell ist heute wieder aktiv.“
oder
statt: „Ich bin furchtbar.“
vielleicht: „Da ist wieder diese alte selbstkritische Stimme.“
Das klingt zunächst banal. Aber genau dadurch entsteht Abstand.
Du wirst langsam von der Person, die mitten im Gedankensturm steht, zu der Person, die diese Gedanken wirklich wahrnimmt:
„Interessant. Mein Gehirn erzählt heute wieder viele Geschichten.“
Und nein, das bedeutet keinesfalls, dass plötzlich alles leicht wird.
Aber oft wird es etwas weniger überwältigend und das ist schonmal ein guter Anfang. Findest du nicht auch?
Nimm dir heute ein paar ruhige Minuten.
Nicht zum Optimieren.
Nicht zum Analysieren.
Nicht um „besser“ zu werden.
Sondern einfach zum Beobachten.
Frage dich:
Schreibe ruhig ein paar Stichpunkte auf. Schreiben in sehr vielen Variationen ist im übrigen eine der Effektivsten und am meisten unterschätzten Übungen überhaupt.
Oft merken wir erst beim Schreiben, wie viel dauerhaft in uns arbeitet.
Je öfter wir Gedanken beobachten, desto weniger müssen wir ihnen automatisch glauben.
Nicht weil plötzlich keine negativen Gedanken mehr auftauchen.
Sondern weil wir beginnen zu merken:
„Ich habe einen Gedanken. Aber ich BIN nicht dieser Gedanke.“
Das kann:
Langsam.
Nicht perfekt.
Aber Schritt für Schritt.